Pazifismus

"Am Morgen des 4. August ging ich mit Ottoline in den leeren Strassen hinter dem British Museum auf und ab, dort, wo jetzt Universitätsgebäude stehen. Wir erörterten die Zukunft mit düsteren Worten. Sprachen wir mit anderen von den Schrecken, die wir voraussahen, hielt man uns für verrückt; doch es stellte sich heraus, dass wir, verglichen mit der Wirklichkeit, hemmungslose Optimisten gewesen waren. ... Die ersten Kriegstage waren für mich sehr verblüffend. Meine besten Freunde, wie die Whiteheads, zeigten eine wilde Kriegsbegeisterung. ... Währenddessen lebte ich in der grössten emotionalen Spannung. Obwohl ich nichts der ganzen Kriegskatastrophe Vergleichbares voraussah, sah ich doch wesentlich mehr voraus als die meisten. Diese Aussicht erfüllte mich mit Schrecken, noch mehr aber entsetzte mich die Tatsache, dass die  Erwartung des Blutbades etwa neunzig Prozent der Bevölkerung begeisterte. Ich musste meine Ansichten über die menschliche Natur revidieren. Damals hatte ich keine Ahnung von Psychoanalyse, aber ich gelangte von selbst zu der Sicht der menschlichen Leidenschaften, die jener der Psychoanalytiker ähnlich war, und zwar beim Versuch, die Gefühle der Allgemeinheit in Bezug auf den Krieg zu verstehen. Bis dahin hatte ich geglaubt, es sei durchaus normal für Eltern, ihre Kinder zu lieben; der Krieg überzeugte mich davon, dass dies eine seltene Ausnahme ist. Ich hatte geglaubt, dass die meisten Leute Geld mehr als fast alles andere lieben, aber ich entdeckte, dass ihnen Zerstörung noch lieber ist."
aus: Bertrand Russell, Autobiographie

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Erich Kästner